Die Ängste der Betreiber/innen – ein skurriler Abend in der Behörde

Letzte Woche lud die Stadt Hamburg, genauer die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (Amt für Arbeit und Integration – Referat Opferschutz) alle Betreiber/innen von Prostitutionsstätten zu einem Informationsabend ein.

Es sollte um das betriebliche Erlaubnisverfahren im Rahmen des Prostitutionsschutzgesetzes im Prostitutionsgewerbe gehen.

Die für das Anmeldeverfahren zuständige Behörde wollte das Procedere erläutern und mit den Betreibern „in Dialog gehen“.

Um 17 Uhr versammelten sich ca 90 Hamburger Betreiber/innen im Sitzungssaal, und so saß ich zwischen jungen, muskelbepackten, tätowierten Kerlen, die an Türsteher auf dem Kiez erinnerten und seriös gekleideten Geschäftsmännern Mitte 50.

Auch Damen hatten sich zu dem Informationsabend eingefunden und boten das ganze Spektrum von der Jeans-Sweatshirt-Fraktion bis hin zu gestylten Ladies mit schwindelerregend hohen Absätzen.

Da waren wir nun alle: Prostitutionsstättenbetreiber, Zuhälter, Luden, Kleinunternehmer/innen, Geschäftsführer von Saunaclubs, Inhaberinnen von Massagesalons, SM-Studio-Besitzerinnen, und Vermieter von Appartments zur Wohnungsprostitution.

Und alle hatten dasselbe Problem und die gleiche Fragestellung: „Was bedeutet das Gesetz für uns und unseren Betrieb?“

Die Verunsicherung bei Beginn der Veranstaltung war mit den Händen greifbar.

Die zuständigen Behördenmitarbeiter mühten sich redlich und versuchten, den Zuhörern das Prostitutions-Schutz-Gesetz mit Diagrammen, Organigrammen und einer Power-Point-Präsentation näher zu bringen.

Schnell war deutlich, daß es viele Betreiber gab, die sich mit dem Gesetz bereits befasst hatten, aber es gab auch viele völlig ahnungslose Betreiber, die sich noch überhaupt nicht mit der Materie beschäftigt hatten.

Bei jedem neuen Diagramm gab es neue Fragen:

  • was ist ein sachgerechtes Notrufsystem?
  • was schreibt man in das Betriebskonzept?
  • Wo sollen die SW übernachten, wenn sie das nicht mehr in den Arbeitsräumen dürfen?
  • Darf ich eine Prostituierte unter 21 beschäftigen?
  • Wie soll ich die Kondompflicht überwachen?
  • Welche Meldeadresse soll man angeben, wenn die SW keinen festen Wohnsitz in Deutschland hat?
  • Darf ich die SW aus meinem Club zur Gesundheitsberatung fahren?
  • Wo ist der Unterschied zwischen Anzeige- und Anmeldepflicht?

Je später der Abend wurde, desto vehementer und konkreter wurden die Fragen.

Die Behördenmitarbeiter wurden zusehends hilfloser. Denn die Diskrepanz zwischen dem  Bürokratiemonster Prostitutions-Schutz-Gesetz, der beginnenden Umsetzung in der Verwaltung und der Realität in der Sexbranche, die sich nur schwer in Paragraphen pressen lässt, wurde immer deutlicher.

Konnte die Behörde anfangs noch auf die Fragen antworten, musste sie im Laufe des Abends oft auf  den Satz ausweichen, daß man diese Fragestellung nochmals in der Verwaltung aufnehmen müsse.

Deutlich war, daß die Behördenmitarbeiter kaum Antworten auf die Fragen hatten, wie sich einzelne Paragraphen denn in der Realität umsetzen lassen.

Die Betreiber/innen wurden immer unzufriedener. Einige Zuhörer verließen den Saal, fanden sich vor der Tür zur Raucherpause ein und machten ihrem Unmut dort Luft.

Aggressive Hilflosigkeit schwang im Raum.

Nach 2 1/2 Stunden war die Veranstaltung zu Ende. Am Ausgang des Sitzungssaales lagen Antragsformulare.

Mit dem Antragsformular, einer noch größeren Verunsicherung als zuvor, und dem Gefühl, keinerlei Antworten auf die eigenen Fragen bekommen zu haben, stand man nun in Grüppchen auf der Straße und diskutierte dort ohne die Behörde weiter.

Irgendwann gingen die Betreiber/innen zu ihren Autos, stiegen in den Bus, bestellten sich ein Taxi und gingen unbefriedigt nach Hause.


Und meine eigene Situation und das Fazit, das ich aus diesem Abend ziehe?

Ich bin sehr froh, daß ich Anfang des Jahres entschieden habe, mein Studio nicht konzessionieren zu lassen und mich diesem Verfahren und dem elenden Gesetz nicht auszuliefern.

Der Abend hat mich in meinem Entschluß bestätigt.

Ich drücke allen Betreiber/innen, die sich entschieden haben, sich der Konzessionierung zu stellen, starke Nerven und viel Glück.

 

 

 

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